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Gusseisen mit Kugelgraphit (EN-GJS), technisch oft als Sphäroguss bezeichnet, stellt die Brücke zwischen den guten Gießeigenschaften des Graugusses und den mechanischen Kennwerten von Stahl dar. Die entscheidende metallurgische Differenzierung liegt in der Sphärolith-Bildung: Durch eine gezielte Magnesiumbehandlung kristallisiert der Kohlenstoff nicht lamellar, sondern in Kugelform aus.

Diese Morphologie eliminiert die innere Kerbwirkung fast vollständig. Die metallische Grundmasse (Matrix) wird dadurch nicht unterbrochen, was die Übertragung hoher Zugspannungen ermöglicht und dem Werkstoff eine ausgeprägte plastische Verformbarkeit verleiht. Für Konstrukteure bedeutet dies: Maximale Sicherheit gegen Sprödbruch bei gleichzeitiger geometrischer Gestaltungsfreiheit.

Warum Ingenieure auf EN-GJS setzen

Konstruktive Vorteile und technische Überlegenheit im Überblick


Die Wahl von EN-GJS ist eine Entscheidung für optimierte Bauteilphysik. Wir nutzen die spezifischen Eigenschaften des Gefüges für anspruchsvolle Anwendungen:

  • Hohe Dehngrenze ($R_{p0,2}$): Im Gegensatz zu einfachem Baustahl weisen viele GJS-Güten ein sehr günstiges Verhältnis von Streckgrenze zu Zugfestigkeit auf. Das bedeutet, das Bauteil erträgt höhere Lasten im elastischen Bereich, bevor eine bleibende Verformung eintritt.
  • Verbesserte Dämpfung: GJS verfügt über ein höheres Dämpfungsvermögen als Stahl oder Stahlguss. Vibrationen und Resonanzen im Maschinenbetrieb werden effektiver absorbiert, was die Laufruhe erhöht und angrenzende Baugruppen schont.
  • Exzellente Zerspanbarkeit: Die Graphitkugeln wirken bei der mechanischen Bearbeitung als kurzbrechende Spanbrecher und interner Schmierstoff. Dies reduziert die Schnittkräfte messbar und erlaubt höhere Vorschübe als bei vergleichbaren Stahlguss-Sorten.
  • Isotrope Eigenschaften: Während Walzstahl oder Schmiedeteile richtungsabhängige Eigenschaften (Längs- vs. Querrichtung) aufweisen, sind die mechanischen Kennwerte von GJS weitgehend unabhängig von der Belastungsrichtung gleichbleibend.
  • Gewichtsreduktion (Leichtbau): Durch die hohe Festigkeit können Wandstärken reduziert werden. In Kombination mit Topologieoptimierung lassen sich so Gewichtseinsparungen realisieren, die mit Schweißkonstruktionen nicht machbar wären.

Unsere GJS-Werkstoffe und ihre Spezifikationen

Gefügeausbildung und mechanische Kennwerte nach DIN EN 1563

Wir stellen die mechanischen Eigenschaften durch eine präzise Steuerung des Ferrit-Perlit-Verhältnisses in der Matrix ein:

  • EN-GJS-400-15 / EN-GJS-400-18: Rein ferritische Matrix. Diese Güten bieten die höchste Bruchdehnung und hervorragende Zähigkeit, selbst bei tiefen Temperaturen. Ideal für sicherheitsrelevante Bauteile wie Windkraftkomponenten oder Fahrzeugteile, die Stoßbelastungen absorbieren müssen.
  • EN-GJS-500-7: Ein ferritisch-perlitisches Mischgefüge. Es bietet den optimalen Kompromiss aus guter Bearbeitbarkeit, Festigkeit und Verschleißbeständigkeit. Der Standard für den allgemeinen Maschinenbau.
  • EN-GJS-600-3: Ein überwiegend perlitisches Gefüge. Hier liegt der Fokus auf hoher statischer Belastbarkeit und gesteigerter Druckfestigkeit, beispielsweise für hochbelastete Hydraulikkomponenten.
  • EN-GJS-700-2: Feinstlamellares, rein perlitisches Gefüge. Diese Güte erreicht Härten und Festigkeiten, die denen von Vergütungsstählen nahekommen, und eignet sich für Kurbelwellen, Zahnräder oder Laufrollen mit hohem Abrasionswiderstand.

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Technologische Umsetzung komplexer Guss-Projekte

Von der Erstarrungssimulation zum fehlerfreien Großguss


Die Herstellung von hochwertigem Sphäroguss erfordert, insbesondere bei großen Wandstärken, eine exakte metallurgische Prozessführung, um Gefügedegenerationen zu vermeiden.

  • Großguss-Metallurgie: Bei massiven Bauteilen besteht die Gefahr von Graphitentartung (Chunky-Graphit) im thermischen Zentrum. Römheld & Moelle begegnet diesem Risiko durch computergestützte Erstarrungssimulationen, gezielte Kühleisen-Platzierung und eine spezifische Spätimpfung im Gießstrahl.
  • 3D-Sanddruck (Printed Casting): Für Prototypen und komplexe Kerngeometrien nutzen wir den binderbasierten 3D-Druck. Dies ermöglicht Hinterschneidungen und komplexe Innengeometrien (z.B. integrierte Kühlkanäle), die konventionell nicht entformbar wären.
  • Vollformguss (Lost Foam): Da keine Formteilung notwendig ist, entfallen Grate und Versatz. Das Verfahren garantiert eine spannungsarme Erstarrung und höchste Maßhaltigkeit, was das Aufmaß für die mechanische Bearbeitung drastisch reduziert.

Häufige Fragen zu Gusseisen mit Kugelgraphit

Wir sind auf den Großguss spezialisiert und fertigen Bauteile aus Sphäroguss bis zu einem Stückgewicht von 38 Tonnen. Die besondere Herausforderung bei diesen Massen – die homogene Ausbildung der Graphitkugeln auch im thermischen Zentrum – beherrschen wir durch spezifische Impftechniken und eine kontrollierte Abkühlung.

Unser Verfahren "Printed Casting" ist ideal für Prototypen, Ersatzteile ohne vorhandenes Modell oder komplexe Einzelstücke. Da wir die Sandformen direkt aus Ihren CAD-Daten drucken, entfallen die Kosten und Wartezeiten für den traditionellen Modellbau. Zudem lassen sich Geometrien mit Hinterschneidungen realisieren, die konventionell nicht formbar wären.

Beim Vollformguss nutzen wir Modelle aus Polystyrol, die im Sand verbleiben und beim Gießen verdampfen. Da hier keine Formteilung notwendig ist, können Sie GJS-Bauteile ohne Grate und ohne Seitenschrägen konstruieren. Dies reduziert das Aufmaß für die mechanische Bearbeitung erheblich und ermöglicht eine enorme Designfreiheit für komplexe Gehäuse oder Maschinenbetten.

Ja, das ist eine unserer Kernkompetenzen. Unsere Ingenieure prüfen Ihre Schweißbaugruppen auf Substitutionspotenzial. Oft können wir durch die Umstellung auf EN-GJS die Bauteilfunktionen integrieren, das Gewicht durch Topologieoptimierung senken und die Gesamtkosten durch den Wegfall von Füge- und Richtarbeiten reduzieren.